Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE II/2010 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 5. November 2010

 

 

       Meine sehr verehrten Damen und Herren,

       liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

       es ist wieder so weit und ich freue mich sehr, Sie wieder bei der

Vernissage einer Ausstellung aus der Reihe „Coincidence“ in IGNIS

nach dieser langen, schmerzhaft langen Pause begrüßen zu dürfen.

Ich grüße Sie, wie immer herzlichst!

 

    Es ist nicht nur schön, dass Sie hier sind, es ist auch völlig richtige

Entscheidung von Ihnen. Sie haben den richtigen Riecher gezeigt.

Ihre unfehlbaren Nasen haben Sie nicht im Stich gelassen. Jawohl,

heute spielt hier die Musik und das haben Sie gerochen. Natürlich

das seltsame Phänomen, dass man akustische und visuelle Ereignisse

mit der Nase riechen kann ist rein wissenschaftlich noch nicht

genügend untersucht worden, aber Ihre schlichte Anwesenheit hier

beweist  die Richtigkeit der These allemal.

 

     Ja. Wir haben für Sie eine sehr interessante Ausstellung

vorbereitet, für die wir drei frappierende Künstler gewonnen

konnten. Sie werden natürlich alles persönlich in Augenschein

nehmen und Ihre eigene Urteile bilden, aber erlauben Sie mir ein

Paar Randbemerkungen zu den Arbeiten zu machen. Ich werde

mich, wie immer, kurz fassen. Versprochen!

 

     Links von Ihnen haben wir Bilder von Mandana  Mesgarzadeh.

Und sie selbst haben wir auch hier. Meine Damen und Herren – 

Mandana Mesgarzadeh höchstpersönlich in IGNIS!

Mandana Mesgarzadeh!

 

     In der Enge unserer Platzmöglichkeiten für die Exponate, können

wir natürlich keine umfassende Präsentation der Arbeiten von einer

Künstlerin, oder einem Künstler machen. Für Sie und die heutige

Ausstellung haben wir Bilder aus der Serie „Nahrung“ gewählt. Alle

Bilder hier gehören zu dieser Gruppe.

 

     William Turner, der geniale englischer Romantiker gilt zu Recht

als der Wegbereiter der Impressionisten. Ab etwa der dritten Dekade

des neunzehntes Jahrhunderts malte er und zeigte Bilder, die immer

mehr zu Spielen zwischen Farben und Licht wurden. Die Motive

wurden immer weniger wichtig, zunehmend mehr ausgewaschen,

schwerer zu erkennen, manchmal nur zu erahnen, als Vorwand für

die eigentlich wichtigen Spiele von Licht und Farben.    

 

     In der herrschender Diktatur des realistischen, glanzvollen

Perfektionismus waren diese Bilder für viele unerträglich. Die

Kritiken waren niederschmetternd. Man verspottete seine Arbeiten,

dass es völlig egal ist, was es malt, weil am Ende immer nur ein

Spiegelei mit Spinat daraus wird. „Spiegelei mit Spinat“ Man konnte

sich nichts trivialeres, nichts flacheres, nichts Unwürdigeres ein

Motiv eines Bildes zu werden  vorstellen. Natürlich galt das nicht für

Prachtvolle Stilllebensbilder, die das üppige Essen, wie zum Beispiel

Jagdbeuten festlich auf einem Tisch verbreitet zeigten. Und das so

naturalistisch, so „echt“ und detailgetreu gemalt, dass es scheinbar

nur den Arm auszustrecken reichte und schon hat man eine Feder

des gemalten Fasanen wirklich in der Hand. Aber ein “Spiegelei

mit Spinat“?  Nein, das gehört sich nicht.

 

     Aber die Zeit vergeht und wir sehen Bilder von der Gruppe, die

schlicht Nahrung heißt. Wir haben keine Angst mehr vor Trivialität,

vor Einfachheit. Die Bilder heißen auch so, wie das, was sie zeigen.

„Rosenwasser“ oder eben „Spiegelei mit Datteln“. In vielen, vor

allem nicht den besten Speiselokalen, die exotische Küche servieren,

bekommt man als Menü Fotos von den Gerichten, meist unscharf

und in falschen Farben und unten den Namen der Speise, damit man

weiß was man eigentlich  bestellt.

 

     Also würde man annehmen sollen, dass Mandana Mesgarzadeh

etwas flaches, auf der Skala der Werte ganz, ganz unten platziertes

zeigt.  Also fast Food auch im kulturellen Bereich. Sie zieht das

ins Lächerliche. Oder?

 

     Nur was sollen diese Muster auf dem Bild? Sie wiederholen sich

unzählige Male immer wieder. Wie eine  Mantra, wie eine heilige

Silbe, die man ständig wiederholt, um sich in den erhabenen Zustand

der Meditation zu versetzen. Und das ist doch eindeutig Kalligraphie.

Man kalligraphiert doch keine Schimpfwörter, keine Namen von

bedeutungslosen Dingen. In Schönschrift schreibt man mit Sorgfalt

und Erfurcht heilige Wörter. Noble, angebetete Sachen, keine

Alltäglichkeiten. Aber die Schrift hier wiederholt nur sprachlich was

im Bilde zu sehen ist. Also ein Zeichen für Spiegelei als Mantra?

 

Die Nahrung, auch einfachste Speisen, das ist etwas Grundsätzliches.

Die simple Tatsache, dass die Nahrung eine Bedingung des Leben ist,

dass ohne Nahrung kein „BIO“, kein Leben, sondern nur Tod möglich

ist, lässt uns die Bilder wieder anders sehen.

 

     Wir versuchen sie auf  viele, mögliche Weisen zu interpretieren.

Sie berühren etwas Grundsätzliches, das ist wichtig und wir scheitern

ständig. Das macht diese unglaubliche einfache Kompliziertheit,

oder auch  komplizierte Einfachheit. Ich glaube, dass es keine

endgültige Antwort auf unsere und viele weitere Fragen gibt in

diesen Bildern. Aber es lohnt sich sie zu suchen.

 

 

 

 

     Rechts von Ihnen Objekte von Petra Genster! Und sie selbst ist…

Meine Damen und Herren – Petra Genster! Die echte Petra Genster!

 

     Wir haben für Sie die Objekte von Petra Genster  ausgesucht und

wenn ich diese Objekte sehe, möchte ich sofort nicht über Sachen,

Gegenständen sprechen. Ich würde sie lieber als Wesen, ja,

selbstständige Wesen sehen. Sie sind zart, scheinbar zerbrechlich,

aber man spürt die Kraft, die für unsere Augen verschlossen bleibt

und dort ganz sicher existent ist.

 

     Vielleicht assoziiere ich sie am stärksten mit Quallen, diesen

kaum wahrnehmbaren Hydrozoa und Skyphozoa, wie die Medusen

zoologisch heißen. Sie wissen schon, diese zarte, meistens sehr

schöne Geschöpfe, die sich im Wasser frei bewegen.

 

     Wir bewundern die delikaten Gestalten der Tiere, die Anmut Ihrer

Bewegungen, ihre wahre Grazie beim Schwimmen. Es ist erstaunlich,

dass sie fast ausschließlich aus Wasser bestehen.

 

     Aber sie sind fast wie Seifenblasen. Ein kugelförmiger,

hauchdünner Film, der ein Bisschen Luft einschließt. Solche Blase

macht den Eindruck eines eigenständigen, geschlossenen Etwas, aber

drin ist nichts. Die Luft.

 

     Dasselbe mit den Quallen. Abgesehen von ein paar kleinen

Organe sind sie mit Wasser gefüllt, wie Seifenblasen mit der Luft.

Das Wasser innen und außen ist dasselbe. Kein Unterschied mit dem

von der anderen Seite der Membrane. Also was trennt die Membrane?

Das Wasser von sich selbst? Wo fängt das Tier mit den Tentakel an

und wo hört er auf? Und diese Fragen stelle ich mir bei den Objekten

von Petra Genster auch.

 

     Die sind materiell, sie haben auch individuelle Eigenschaften,

sogar ihre eigenen Geschichten. Man sieht die Grenzen des Objekts

deutlich. Aber sie sind voll mit Luft gefüllt und beanspruchen viel

mehr Platz, als ihre Grenzen das zulassen würden.

 

     Sie erobern den Raum, wie Quallenschwarm eine Bucht. Erst als

Masse und jedes für sich allein. Sie scheinen nicht nur über Kraft,

sondern auch über einen eisernen Willen zu verfügen. Diese delikate,

zierliche Wesen könnten auch bedrohlig wirken. Die sind für uns

geheimnisvoll, immer ein Bisschen unbegreifbar und deshalb

faszinierend. Und das wichtigste Geheimnis berührt etwas für uns

fundamentales. Die Grenzen, Grenzen von Allem, sind für unser

Denken immer von enormer Wichtigkeit.

Und das bleibt Wichtig.

                                                     

 

 

     Auf dem Weg hierher haben Sie bestimmt schon die Arbeiten vom

Włodek Stopa gesehen. Ihn selbst haben wir auch hier! Meine Damen

und Herren: Włodek Stopa in Original und in voller Größe!

 

   Włodek Stopa verbindet gerne verschiedene Materialien

Miteinander um damit eine Spannung innerhalb der Skulptur zu

erzeugen. Das hat er hier schon vor ein paar Jahren bewiesen, als er

seine Skulpturen aus dem Zyklus „Geschützte Objekte“ hier zeigte.

Ich weiß, dass viele von Ihnen sich daran erinnern.

 

     Heute sehen wir nur eine Arbeit  aus dieser Gruppe. Direkt

gegenüber dem Eingangstor. Eine Verbindung vom seinem

Lieblingsmaterial Holz mit Metall geschlossen in einem  Kubus aus

Glas. Damals habe ich das Wesen dieser Skulpturen mit einem

Gleichnis charakterisiert. Ich erlaube mir mich selbst zu

zitieren, weil ich gelesen habe, dass das Zitieren sehr die

Selbstschätzung des zitierten Autors steigert. Mal sehen…

 

     Also Zitat: „Wir sehen die Hornplatten des Panzers einer

Schildkröte. Dieser Panzer ist Schutz und Verpackung des Tieres

und doch das Tier selbst. Wie bei diesen Skulpturen.“

Ende des Zitats. Jetzt müsste es eigentlich schon…

Wahrscheinlich kommt die Wirkung später.

 

    Włodek Stopa beschäftigte sich, schon damals mit „innen“ und

„außen“, mit dem was man sieht und dem, was man dahinter

vermutet. Seine Skulpturen waren „innen“ nicht leer. Und auch heute

können wir hinter der sichtbaren Fassade des Klotzes ein reges Leben

vermuten.

 

     Er mag Scherze, und wir haben zwei weitere, lustige Arbeiten von

Ihm. Eine ulkige Leiter aus Holz und Metall und neun rot lackierte

Zweigen in einem Gestell aus Aluminium. Was soll das? Das ist doch

ein Witz.

 

     Ein Witz bestimmt. Aber nur ein Witz? Wie die krumme, rote

Stöcke, die scheinbar chaotisch aus dem Gestell herauswachsen den

Raum beherrschen! Warum wurden sie rot lackiert, wie eine

Industrieanlage? Warum sind die unteren Sprossen der Leiter so

Platziert, dass sie keine Chance haben mit seinem Pendant, dem

Partner und vis à vis eine Einhalt zu bilden?

 

Da fragt man sich wie viel Raum erfüllt dieses Gebilde eigentlich?

Wo sind sie noch im Raum präsent? Wo hören sie auf zu existieren?

 

     Alle drei Autoren springen ständig in Ihren Arbeiten zwischen

Gegensätzen, zwischen „heilig“ und „trivial“, zwischen „innen“ und,

„außen, zwischen „nicht sein“ und „existieren“, oder über die Grenze

zwischen „ich“ und nicht mehr „ich“.

 

Sie berühren fundamentale Themen unserer existentiellen

Fragestellung und sie geben keine bindenden Antworten.

Aber sie animieren zur Antwortsuche.

 

     Und das ist ihre Aufgabe. Der Künstler ist wie ein sensibler

Instrument, wie ein Seismograf.  Er registriert irgendwelche

Erschütterungen, etwas in der aktuellen Realität, oder in der Welt

der Begriffe der Kunst, was den anderen noch verborgen bleibt.

Manchmal ist das präzise durchgedacht und  beabsichtigt, manchmal

unbewusst und rein intuitiv. Das ist Ihre Aufgabe. Wenn das die

Sensibilität des Zuschauers weckt und der Zuschauer wahrnehmen

kann, was er erst ab jetzt sieht oder empfindet, dann funktioniert die

Kunst wirklich.

 

     Das ist nur meine, eine von vielen möglichen Interpretationen der

Arbeiten. Jeder Zuschauer kann seine eigene Sensibilität einschalten

und seinen eigenen persönlichen Weg zu den Arbeiten finden.

 

 

     Es gibt keinen besseren Weg etwas Autorisiertes über die Arbeiten

zu erfahren, als die Künstler selber zu fragen. Alle drei sind hier. Alle

drei sind unter uns und das bedeutet auch, dass wir in Überzahl sind

und sie umzingeln. Nutzen Sie die Gunst der Stunde. Fragen Sie sie

gnadenlos und unbarmherzig aus. Sie haben keine

Fluchtmöglichkeiten. Sie werden alle Ihre Fragen beantworten

müssen. Und sie werden das gerne tun.

 

     Alle ausgestellten Exponate kann man käuflich erwerben. Wie Sie

wahrscheinlich wissen, nehmen wir keine Gebühren oder Prozente

von verkauften Werken und das kann sich durchaus in Preisen

widerspiegeln. Nutzen Sie die Gelegenheit. Kaufen Sie sich die

Kunst. Gönnen Sie sich das. Greifen Sie ein.

 

      Das ist noch nicht alles, meine Damen und Herren, in Flur kann

man einige Kurzfilme von heutigen Studenten der legendären,

polnischen Filmhochschule in Łódź sehen. Ein Einblick in das

alltägliche Experimentieren von Studenten dieser Schule ist eine

nicht alltägliche Gelegenheit. Ich lade Sie herzlich ein dieses

anzuschauen.

 

     Und das ist noch nicht alles. Als ich gesagt habe „heute spielt hier

die Musik“ war das nicht nur metaphorisch gemeint. Als Umrahmung

des heutigen Abends spielt hier ein Bisschen später die Band

„The Blair Witch Project“ ein Konzert.

 

     Nutzen Sie die Gelegenheiten: Genießen Sie die Kunst und die

Musik, schauen Sie sich die Zukunft des Films an, befragen Sie die

Künstler, kaufen Sie sich Kunstwerke. Genießen Sie die Atmosphäre!

 

Und machen Sie bitte das alles ohne Eile. Das Ende der

Veranstaltung ist wie immer offen.

 

    

       Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki