Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE I/2010 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 7. Mai 2010

 

 

     Meine sehr verehrten Damen und Herren,

     liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

     endlich ist es so weit, dass ich Sie bei der Eröffnung der ersten

Ausstellung aus der Reihe „Coincidence“ in diesem Jahr begrüßen

darf. Ich grüße Sie, wie immer, herzlichst.

     Es geschieht diesmal nach einer sehr langen Pause. Ja, wir müssen

den Gürtel enger schnallen. Denn die bedürftige Finanzwelt braucht

unseres Geld, das sonst für Kultur verschwendet würde.

 

     Vor vielen Jahren, im Endstadium des Sozialismus in Polen ist

eine Frage sehr populär geworden – nämlich: „Wann wird es besser?“ 

Die richtige Antwort war: „Es war schon.“

     Ja, wir werden wahrscheinlich noch viele extra Löcher in unserem

Gürtel  machen müssen. Und das Lichtlein am Ende des Tunnels…

Aber  wer sagt uns, dass dieses schwarze Loch ein Tunnel ist?

 

     Aber, aber… seien wir nicht so pessimistisch, verbreiten wir keine

defätistische Einsichten…  Besonders heute… Nein, nein…so geht es

nicht. Anders rum:

     Wie etwas aussieht hängt meistens auch von dem Standpunkt des

Betrachters. Und nicht jedem gelingt es alles auf Anhieb glatt  über

die Bühne durchgehen zu lassen. Aber man sammelt Erfahrungen.

Mein leider verstorbener Freund und Poet Jonasz Kofta hat darüber

einen hübschen, aufbauenden Zweizeiler auf  Polnisch geschrieben,

den ich mir so zu übersetzen erlaube:

           Och ihr Leute, die ihr zu leben wisst,   

           Scheiße wisst ihr, was das Leben ist.

 

     Jetzt fühlen wir uns sofort viel besser, optimistischer, nicht wahr?

Wir wissen es bescheid. Und Sie haben noch einen Grund zur Freude:

Sie haben heute  schon eine wichtige Wahl getroffen – Sie sind

hierher gekommen und das war die richtige Wahl. Denn wir haben

für Sie eine interessante Ausstellung vorbereitet, für die wir zwei sehr

bemerkenswerte Künstler gewonnen haben. Erlauben Sie mir bitte ein

Paar Bemerkungen zu diesen Arbeiten. Ich werde mich, wie immer

kurz fassen. Versprochen.

 

     Links von Ihnen sehen wir Arbeiten von Halina Jaworski, und sie

selbst sehen wir hier. Hier ist sie. Meine Damen und Herren. Halina

Jaworski persönlich unter uns.

 

     Halina Jaworski ist als fünfzehnjähriges Mädchen gezwungen

worden ihr Geburtsland Polen zu verlassen. Auf so einen Schicksal

wird kein Mensch eifersüchtig sein können, aber heute bemühen wir

uns um Optimismus, deshalb betonen  wir eher, dass sie in ihrem

Werdegang drei verschiedene Einflüsse, drei verschiedene Kulturen

in sich einsaugen konnte: Erst Polen, dann Israel und schließlich

Deutschland. Das macht sich auch manchmal in ihren Arbeiten sehr

bemerkbar.

     Es erscheint ein Zeichen, ein Zitat, oder ein Titel des Bildes verrät

in welchen Ansammlungen von Assoziationen sie sich bewegt, mit

welchen Bedeutungen sie jongliert. Meistens bauen diese Hinweise

keine klaren Behauptungen. Sie sind undeutlich, verschleiert,

mehrfach chiffriert. Eine einfache Logik hilft hier nicht weiter.

     Über die Bedeutungen, Botschaften in ihren Bildern hat man

schon sehr viel geschrieben und gesagt und es wird mit Sicherheit

noch viel weiter diskutiert und gedeutet, auch deshalb, weil sich jeder

eine eigene Interpretation, einen eigenen Zugang erschaffen kann.

Das Thema scheint unendlich zu sein, aber keine Angst -  und ich

möchte damit überhaupt nicht erst  anfangen.

 

     Ich möchte nur Ihre Aufmerksamkeit auf etwas lenken, was man

normalerweise übersieht, was meistens unerwähnt bleibt. Ich möchte

Ihnen eine andere Betrachtungsweise vorschlagen:

     Befreien wir uns kurz von allen Assoziationen, Andeutungen,

Botschaften, von allen, so zu sagen, literarischen Inhalten und lassen

wir die Bilder so auf uns wirken.  Nur die Formen, Farben und Linien

und ihre dreidimensionale Positionierung – ohne jeden intellektuellen

Ballast.  Wenn uns das gelingt, dann spielt wieder wirklich die Musik.

 

     Und die Musik ist hier nicht nur als ein Wort einer Redewendung

genannt.  Das ist die Musik mit den Mitteln der bildenden Kunst. Die

Farbfelder das sind die einzelne Töne eines Akkords und erst

zusammen und sorgfältig räumlich geordnet  werden sie als Akkord

empfunden, als Gesamtstimmung eines stehenden Akkords. Diese

Klangkompositionen haben keine einfache Harmonie vorzuweisen. 

Die einzelnen Bauteile grenzen sich eindeutig von anderen aus,

versuchen sich einzig zu behaupten, aber erst  mit anderen

zusammen bekommen sie ihre Identität. Und erst mit anderen wirken

sie wirklich. 

 

     Wenn jemand das Besagte nur für eine geschickte Metapher hält,

die sich schön anhört, aber ziemlich inhaltslos ist, irrt er. Diese

Metapher stimmt auch physikalisch ganz genau. Ein Akkord von

einem Ensemble bilden gemeinsam Schwingungen einzelnen

Instrumenten.  Man baut, man komponiert sorgfältig die

Zusammensetzung und räumliche Anordnung um den erwünschten

Klang zu erzeugen. Aber man kann sich neben den einzelnen

Instrumenten stellen, man kann sich bewegen und je nach der

Position das anders erleben.  Und das  Gleiche geschieht mit diesen

Bildern. Nur in einem anderen Frequenzbereich. Im Bereich des

sichtbaren Lichts. Aber am Prinzip ändert sich nichts. Ist das nicht

bemerkenswert?

 

     Rechts von Ihnen sehen wir Bilder von Fabian Hochscheid. Und

ihn selbst haben wir heute auch hier. Meine Damen und Herren:

Fabian Hochscheid lebendig und höchstpersönlich.

 

     Fabian Hochscheid ist auf vielen Kunstfeldern kreativ tätig. Wir

haben für Sie und die heutige Ausstellung diese kleinen Arbeiten

ausgewählt. Und auf diese kleinformatigen Bilder möchte ich Ihre

Aufmerksamkeit jetzt lenken. Auf diese kleine Bilder, die ganz

unspektakulär unwichtige Gegenstände zeigen. Gegenstände, die

offensichtlich nicht wert sind wahrgenommen zu werden. Wenn

man aber einige Augenblicke und einige Gedanken über sie riskiert,

passiert etwas Seltsames mit diesen Bildern.

 

     Im Allgemeinen kann man in der bildenden Kunst, grob gesagt, 

versuchen entweder irgendwelche Regeln, Regelmäßigkeiten, oder

auch Erscheinungen, die nicht direkt durch visuelle Erfahrungen

erfassbar sind, zu entdecken, zu präsentieren oder zu entschlüsseln. 

Das wäre der abstrakte Weg. Oder man widmet sich direkt der

sichtbaren Seite der Realität. Natürlich gibt es zwischen diesen

extremen Positionen noch unzählige Zwischenstufungen, aber bleiben

wir bei dieser Unterscheidung zwischen Abstraktion und Realismus. 

Und in der Spalte mit der Aufschrift „Realismus“  bilden diese

kleinen Bilder hier  eine unerwartete und wichtige Ausnahme. Es gibt

viele verschiedenen Schulen, Trends, Auffassungen von Realismus

und trotzdem stehen sie alleine da.  Man darf dabei nicht vergessen,

dass wir durch Media, durch Fotos, Fernsehen, Werbung usw.

förmlich mit Bildern überflutet werden. Tag für Tag.

 

    Vielleicht befasst sich schon niemand mehr direkt mit der Realität. 

Vielleicht sind wir nicht mehr im Stande die reale Welt unvermittelt,

mit nur eigenen Augen, zu sehen. Dieser Überfluss von Bildern

vermittelt uns  eine durchgefilterte, durchgesiebte Version der Welt. 

Und wir tragen diese Sonnenbrille, die uns auf der Nase eingepflanzt

wurde, ohne sich bewusst zu werden, dass die Farben anders werden,

sobald man die Brille abnimmt.  Unsere visuelle Weltempfindung

verwandelt sich in eine Virtuelle, wo alles ein Bisschen  mindestens

frisiert, verbessert, korrigiert erscheint. Alles muss doch unbedingt

„super“, „extra“, „Turbo“, „Megasein.  Natürlich in der bewährter

hdtv-Qualität.

 

     In diesem Umfeld muss man viel Kühnheit, Frechheit und vor

allem Neugierde aus der Kindheit gerettet haben um die unscheinbare,

banale Gegenstände des Alltags zu sehen, aus der Anonymität in die

Hände zu nehmen und sie zu untersuchen. Ja, untersuchen, ganz

einfach beobachten und damit gewissenhaft zu studieren.

 

     Die Gegenstände sind unprätentiös. Sie werden nicht Hightech und

Hochglanz in der Manier des Fotorealismus dargestellt, sie werden

nicht verblüffend „echt“, wie auf der Stillleben von holländischen so

genannten „kleinen Meister“ des XVII. Jahrhunderts,  sie werden mit

keinen Geheimnissen ausgestattet, sie sind sachlich gemalt, sie sind

unscheinbar, sie sind normal und das ist nicht normal.

Das ist selten.  Dafür müssen wir uns bedanken.

 

 

     Meine Damen und Herren, das ist noch nicht alles, was wir für Sie

heute haben. Die legendäre, polnische Filmhochschule aus Lodz hat

uns wieder ein Paar kurze Filme von den heutigen Studenten zur

Verfügung gestellt. Die sind alle von Errungenschaften der modernen

Wissenschaft inspiriert und man kann sie sich im Flur anschauen. 

Vielleicht ist das ein  Blick in die Zukunft des Films. Probieren Sie

das aus. Es lohnt sich bestimmt zu wissen was uns erwarten kann.

Meine Damen und Herren,  Das ist eine seltene Gelegenheit.

Nutzen Sie sie.

 

     Die beiden Künstler sind anwesend, sie sind unter uns und das

heißt, dass sie von uns umzingelt sind. Sie können nicht weg. Alle

Fluchtwege sind abgeschnitten. Nutzen Sie die Gelegenheit und

fragen Sie sie unbarmherzig aus. Konfrontieren Sie sie gnadenlos

mit Ihren Empfindungen und Fragen. Sie werden antworten müssen

und sie werden das gerne tun.

 

    Alle hier ausgestellten Exponate kann man kaufen. Wie Sie wissen,

nehmen wir keine Prozente vom Verkauf, keine Gebühren. Die ganze

Summe gehört den Künstlern und das kann sich bekanntlich in den

Preisen widerspiegeln. Nutzen Sie die Gelegenheit. Kaufen Sie sich

Kunst. Verschlafe Sie die Gunst der Stunde nicht.

 

     Aber das ist noch nicht alles heute für Sie, meine Damen und

Herren! In Kürze spielt hier  als Umrahmung der heutigen Vernissage

die polnische Rock & Blues Band „Syndykat“ ein Konzert für Sie. 

Also, genießen Sie die Kunst und die Musik, schauen Sie sich die

Zukunft  des Kinos, befragen Sie die Künstler, kaufen Sie sich die

Bilder und amüsieren Sie sich gut. Das Ende der Veranstaltung ist

wie immer offen.

 

    

     Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki