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Ausstellungseröffnung Einleitende
Worte am 7. November 2008 Meine sehr verehrten
Damen und Herren, liebe Freunde des
IGNIS und der Kunst, heute
ist alles etwas anders als sonst und Sie haben schon etwas gesehen, bevor Sie jemand begrüßt hätte. Und ich
habe erst jetzt die Möglichkeit Ihnen zu
sagen, dass Sie wieder den richtigen Riecher gehabt haben. Heute zu uns zu
kommen war sehr klug. Wir haben nämlich für Sie einen sehr interessanten Abend
vorbereitet. Ich freue mich sehr, dass ich Sie wieder
in IGNIS bei der Ausstellungseröffnung begrüßen darf. Ich grüße Sie, wie
immer, herzlichst. Ohne falscher Bescheidenheit sage
ich: wir haben heute sehr viel für
Sie. Wir
haben interessante Künstler gewonnen und zwei von ihnen haben Sie gerade
erlebt: Beata Schubert und Michael Hauck haben die Performance
„Visual noise“ soeben durchgeführt. Sie bleiben mit
uns und sind für alle Gespräche oder Fragen, die ihre Kreativität betreffen,
offen. Meine Damen und Herren: Beata Schubert und Michael Hauck bei uns. Erlauben Sie mir bitte einige Wörter
darüber zu sagen, was vor uns eben geschehen ist. Das, was die beiden machen,
gehört zu diesen künstlerischen Aktivitäten, die völlig spontan und
absichtslos verlaufen und steht deshalb in einer
langen und breiten Tradition. Sie haben viele Verwandte – weltweit.
Nennen wir zum Beispiel den Jackson Pollock als den
Hauptvertreter des Actionpaintings. Er soll in den fünfzigen Jahren des vorigen
Jahrhunderts auf die Idee gekommen sein, das Bild zum Dokument eines
spontanen Malvorganges zu machen. Ausschließlich. Das ist seine Version. Die andere behauptet, Max Ernst hätte
dem Jackson Pollock klar gemacht, dass
es viel von malerischem Potential verloren geht, wenn man, wie üblich beim Malen nur die Hand bis
zum Handgelenk bewegt, während der Rest des Körpers eigentlich unaktiv
bleibt. Man müsse innere Erregungen an den Körper des Malers Übersetzen und
diesen Prozess auf einer Malfläche notieren. So hat Max Ernst den
Jackson Pollock auf den Richtigen Weg geschubst. Das ist natürlich die Version von ihm selbst.
Es waren keine Zeugen des Gesprächs, aber Max Erst ist in Brühl, also fast in
Köln, geboren und das ist für uns
der Beweis seiner Glaubwürdigkeit. Deshalb schenken wir unserem Glaubendem großen Max Ernst. Er ist der tatsächliche
Entdecker dieser Richtung des abstrakten Expressionismus. Aber wir entfernen
uns gefährlich vom Thema. Nehmen wir zum Beispiel Yves Klein. Das
ist der mit diesen monochromen Bildern, die alle blau leuchteten, der nur
diese blaue Farbe benutzte für Bilder, Skulpturen, für alles. Zur Musik ließ
er Körperabdrücke von Modellen auf den Leinwänden
entstehen. Natürlich blau. Oder Salvador Dali. Er hat auch den
Prozess des Malens mit Musik
prachtvoll inszeniert. Und
viele andere Maler hören beim Malen Musik und lassen sich von
ihr inspirieren. Auf der gerade laufender Ausstellung von Gerhard Richter im
Museum Ludwig sind zwei Zyklen der
abstrakten Arbeiten zu sehen, die
„Bach“ und „Cage“ heißen. Man
kann die Verwandtschaften auch in grauer Vergangenheit, in Stammeskulturen
suchen. Denn – sie müssen sich in eine Art Transzustand
versetzen, ihre Resonanzfähigkeiten gegenseitig zu verstärken, damit das
Experiment funktionieren kann. Sie können nichts wollen, sie können
nichts vorhaben, nichts planen, nichts wiederholen. Er inspiriert sie, sie
inspiriert ihn. Alles ist möglich, alles offen. Wenn der gestrebte Zustand eintritt,
entsteht zwischen den beiden etwas, was
man nicht messen, aber als Zuschauer spüren kann. Und sie notiert, wie ein
Seismograf, das innere Zittern und Beben von den beiden. Das ist immer ein
Weg ins ungewisse. Jedes Mal ein Experiment, jedes Mal ein Wagnis mit
ungewissem Ausgang. Bewerten kann man das nicht. Die
Kategorien von „gut“ oder „schlecht“ sind in
diesem Fall völlig unbrauchbar. Was aber einem wichtiger ist? Ein Zeuge des Prozesses zu sein und das Bild
als unbedeutender Nebenprodukt zu vergessen, oder das Dokument, das
Bild, das entstanden ist, als Ergebnis, als erreichter Ziel des Geschehens zu
betrachten und den Weg dahin, als nicht wirklich gravierend zu sehen… Bei
dieser Frage muss jeder für sich entscheiden. Bestimmt haben Sie auch die Skulpturen
im Garten vor der Villa gesehen. Das
sind Arbeiten von Odo Rumpf. Den haben
wir heute unter uns. Meine
Damen und Herren Odo Rumpf! Den muss man eigentlich in Köln nicht
vorstellen. Seine verrosteten Wesen verunsichern etliche Gegenden in der Stadt und Umgebung. Die Bekannteste sind
bestimmt die Solarvögel. Und den Großen
Vogel auf der Rheinpromenade, gegenüber
dem „Maritim“ Hotel haben wir alle mit Sicherheit gesehen – der gehört schon
zum Bilde der Stadt, wie der Dom. Trotzdem erlauben Sie mir ein Paar
Wörter über seine Skulpturen. Sie verraten uns nämlich etwas über uns –
genauer gesagt: über unsere Wahrnehmung. Seine Arbeiten haben meistens einen surrealisierenden Charakter. Sie stellen etwas dar, sind
nicht abstrakt auf Spannungen zwischen Linien und Flächen im Raum
gebaut, sondern appellieren an unsere Fantasie und Vorstellungskraft, an
unsere Assoziationen. One uns werden zwei verrostete Schraubenmutter weiter zwei
Schraubenmutter bleiben und nicht zu
Augen eines Geschöpfes mutieren, egal
wo und wie man sie platziert. Odo Rumpf macht eigentlich das, was auch die Künstler
von diesem berühmten
Figürchen genannt „Venus von Willendorf“ und anderen Amuletten der
so genannten Kultur Aurignacien gemacht haben, also
vor mehr als Dreißig Tausend Jahren. Sie haben ein Stück Stein oder Knochen
gefunden und dort Andeutungen von
denen bekannten Gestallten entdeckt. Oder sagen wir: sie haben die
Ähnlichkeiten reinprojiziert und dann nur etwas von Korrekturen gemacht,
damit die
Darstellung vollständiger erscheint. Aber sie haben erst etwas ausgespührt und dann ein Zeichen im allgemeinverständlichen
Code gesendet. So, wie
Kinder, die mit Punkt und Strich Gesichte zeichnen. Wir haben hier mit etwas sehr altem, mit
einem urmenschlichen Mechanismus zu
tun. Nicht mit einem noch älterem? Und warum haben viele Schmetterlingsarten
symmetrische Paare von großen, runden Flecken auf offenen Flügeln? Natürlich – die mimen ein Paar Augen und
eventuelle Fressfeinde vermuten dem entsprechend einen riesigen Besitzer
dieser großen Augen, mit dem sie es auf keinem Fall aufnehmen wollen. Das ist ein Beispiel der Mimese, der
großen Kunst der Lüge und Tarnung in der
Natur. Odo Rumpf weckt diese
angeborene, eigentlich tierische Mechanismen in
uns und setzt sie in Bewegung. Er hat aber mit der Gattung Homo
manchmal sapiens des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu tun. Deshalb macht er seine Skulpturen
aus industriellen, mechanischen Schrott und erst diese Andeutung von
Lebewesen zusammen mit den
mechanischen Eigenschaften des Materials gibt ihnen ein Hauch von Geheimnis
und Unheimlichkeit. Hier im Saal sehen Sie links von Ihnen
die Bilder von Ali Zülfikar. Und ihn persönlich
sehen Sie… Bitte zeige Dich! Meine
Damen und Herren, zum ersten Mal
in IGNIS Ali Zülfikar! Wir haben heute für Sie die Bilder ausgesucht, auf denen er am deutlichsten zwei
unterschiedliche Traditionen des Verständnisses der visuellen Künste verbindet.
Er experimentiert gerne mit Naturmaterialien, mischt sich selber Farben und
malt oft auf Wolle, auf Kelims. Und
diese Kelims bemalt er oft so vollständig, dass man sie unter der Farbe nur
als eine Struktur erkennen kann. Aber auf diesen Bildern, die wir heute
zu bewundern haben, werden sie nicht versteckt, sie sind bedeutend präsent,
man könnte sagen, provokativ präsent. Diese Bilder, ein Bisschen
surrealistisch, erzählen einen Traum, eine geheimnisvolle Welt
abendländischer Prägung, in der nichts eindeutig ist, nichts endgültig
definierbar. Und in diese verschwommene, zarte Poetik trifft ein
geometrischer Muster eines Kelims aus dem Orient, wie ein Meteorit von einer
anderen Welt. Das ist brutal. Nach dem Kometenschlag
kommt unweigerlich ein Erdbeben, Tsunami, Katastrophen, das muss Weh tun. Müsste – tut aber nicht. Das fremde
Element, der Eindringling „sitzt“ im Bild wie „eine eins“. Diese Kelimmuster haben in solchen Bildern überhaupt keinen Sinn und
nichts zu suchen. Und trotzdem - versuchen Sie sich diese Bilder ohne dieser
Kelims vorzustellen. Würden sie nicht langweilig und ärmer aussehen? Also Cracke der Kulturen, und hier
kracht doch gewaltig, kann auch so verlaufen, dass da etwas entsteht, das die
Gegensätze vereint. Und noch etwas: Ali Zülfikar
zeigt uns seine ursprüngliche visuelle Kultur wie
unter der Lupe. Das Plazieren orientalischer Motive mitten in einer fremden
Umgebung wirkt wie ein Vergrößerungsglas. Man kann sie nicht übersehen. Rechts von Ihnen Objekte von Krzysztof
Gruse und er selbst sitzt hier. Meine Damen und Herren, Krzysztof Gruse
höchstpersönlich. Auch seine Arbeiten lenken unsere
Aufmerksamkeit, wie mit einer Lupe auf etwas. Auf etwas, was normalerweise
keine Aufmerksamkeit erzeugt. Auf
unscheinbare Gegenstände, auf irgendwelche Fragmente der grauen
Wirklichkeit, die eben nur so da sind, manchmal praktisch, aber nicht
unbedingt. Und niemand geht das etwas an. Er lehnt die Skalen von höherem und
niedererem ab. Oder, anders gesagt er interessiert sich weder für abstoßende
„Unten“, noch für edle „Oben“, sondern für die
unwichtige Mitte, für Mittelmäßigkeit. Er besingt die Schönheit und die Größe
der
kleinen, durchschnittlichen Dinger. Aber man kann solche Dinge nicht zeigen,
ohne ihren Status der Bescheidenheit zu zerstören. Wenn man auf sie mit dem Finger
zeigt, bekommen sie Bedeutung, sie
werden exponiert. Eine Bakterie kann unter Mikroskop riesig werden. Er ist also ein Rebell, der unsere
ästhetische, in der Kultur etablierte Regeln und
Kriterien wegwirft. Und dann stürzt er uns in ein fröhliches Chaos, in dem
alles genauso schön und erhaben, wie scheußlich und gemein ist. Ist es wirklich so schlimm eine
Orientierungshilfe im Leben zu haben? Das ist doch eine Provokation. Ja, meine Damen und Herren, Krzysztof
Grus ist ein Provokateur. Und
an seinem Beispiel kann man gut prüfen, wie wahr die Meinung ist, die besagt,
dass die Provokation eine Art der Koketterie ist, oder zumindest eine solide
Portion von ihr beinhaltet. Er weißt
doch genau, dass sich die unbedeutende Durchschnittlichkeit nicht zeigen
lässt. Und seine Objekte sind doch im höchsten Grade ästhetisch, schön. Und
das sind noch auf eine ein Bisschen
altmodische Art
der Ästhetik servierte Ergebnisse seiner Bastlerei. Trotz seiner Manifesten
wühlt er nicht in einer Mülltonne nach Abfall, er sucht liebevoll nach
verstaubten, geheimnisvollen Pretiosen auf einem romantischen,
postmodernistischen Dachboden. Ja, ich glaube, er verschaukelt uns ein
wenig mit seiner Theorie der Mittelmäßigkeit. Er macht das mit Sinn für Humor
und viel Poesie, was wieder ein Problem aufwirft. Seine gezähmten, überhaupt
nicht rebellischen Objekte haben keine Urheberkräfte und werden deshalb
wieder unbedeutend, aber das kann man nicht zeigen, wie wir schon wissen. Am
besten fragen Sie ihn selbst. Meine Damen und Herren, alle heute
präsentierte Künstler haben ihre Zeigefinger genutzt und uns auf einige
Aspekte der bildenden Kunst auf ihre spezielle Art aufmerksam gemacht. Sie
sind hier und sind von uns umzingelt, sie können nicht weg. Nutzen Sie die
Gunst der Stunde und Fragen Sie sie
unbarmherzig aus. Sie
werden antworten müssen und sie werden das gerne tun. Sie können auch anders die Gelegenheit
nutzen. Wie Sie wissen, nehmen wir keine Provisionen, oder Gebühren und das
kann sich in Preisen manifestieren. Also
greifen Sie zu, billiger wird schon nicht mehr werden. Und wir haben noch etwas für Sie. Als
Umrahmung unserer heutigen Ausstellungseröffnung spielt hier ein Bisschen
später „The Blair Witch
Project“. Genießen Sie die Kunst und die Musik. Das
Ende der Veranstaltung ist, wie immer, offen. Ich
wünsche Ihnen einen guten Abend und ich danke Ihnen.
Janusz Pac-Pomarnacki |
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